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Ausflug in den Hessenpark

SAMSTAG, 29. MÄRZ 2014
RHEIN-MAIN ZEITUNG

Typisches Hessen auf 30 Hektar Freigelände

40 Jahre und noch nicht fertig: In diesem Jahr feiert der Hessenpark bei Neu-Anspach Jubiläum. Die alten Häuser hat das Freilichtmuseum meist geschenkt bekommen, doch nicht alle wieder aufgebaut. 

Von Bernhard Biener  NEU-ANSPACH. 

Das Haus aus Münchhausen steht seit 1998 kurz hinter der Kasse. Als das Fachwerkgebäude voriges Jahr nach der Sanierung wiedereröffnet wurde, war es plötzlich verputzt. Alte Fotografien hatten gezeigt, dass dies dem Zustand vor etwa 100 Jahren entsprach. Der Dachreiter hingegen ist geblieben. Dem Türmchen ist seine wichtige Funktion von außen nicht anzusehen: Es verbirgt eine Mobilfunkantenne. Der heutige Museumsbesucher will auf ordentlichen Handyempfang nicht verzichten, auch wenn er sich inmitten alter Häuser ein Jahrhundert zurückversetzt fühlt. Der Hessenpark muss als Freilichtmuseum mit neuen bauhistorischen Erkenntnissen ebenso zurechtkommen wie mit den Ansprüchen des modernen Freizeitmenschen.

Der 40. Geburtstag des Museums ist deshalb ein Grund zum Feiern, aber nicht zum Zurücklehnen. An diesem Sonntag wird zum Beispiel das Sägewerk der Gebrüder Störkel aus Anspach im Zustand von 1950 wiedereröffnet. Die Maschinen sind voll funktionsfähig. Das Horizontalsägegatter hat einst in Heringen gestanden und die Holzwollemaschine in Riedelbach. Unterdessen legen Arbeiter letzte Hand an den Spielplatz in der Baugruppe Nordhessen. Dass seine für Ende April geplante Eröffnung eine kleine Revolution für den Hessenpark darstellt, der mit seinen begehbaren Gebäuden etwas von einem großen Abenteuerspielplatz hat, mag auf den ersten Blick verwundern. Aber tatsächlich hat es eine Möglichkeit für Kinder, bar jeder historischen Vermittlung einfach nur zu spielen, bisher nicht gegeben.

Dass der Hessenpark keine Zurschaustellung toter Objekte sein sollte, gehörte für den Gründungsdirektor Eugen Ernst aus Anspach schon vor der Eröffnung zum Konzept. Dem in Gießen tätigen Geographieprofessor schwebte von Anfang an eine „lebendige Anschauungsstätte“ vor, in der Kohlemeiler qualmen, Folkloregruppen auftreten und Weber, Spinner, Töpfer oder Bäcker alte Handwerkstechniken zeigen. Diese Ideen sind Wirklichkeit geworden und gehören auch heute zum Programm. Andere 1974 in der Gründungsurkunde formulierte Vorstellungen mussten korrigiert werden. Ein Marktplatz und sechs Weiler mit zirka 40 Gebäuden sollten innerhalb von zehn Jahren entstehen, und das Freilichtmuseum sollte damit vollendet sein.

Zwar ging es anfangs flott voran, und bis 1980 standen 20 Gebäude. Doch das Tempo ließ sich nicht halten, zumal ein Haus nicht nur gebaut, sondern auch erhalten werden muss. Wenn in diesem Jahr die „Martinsklause“ öffnet, sind 105 Gebäude wieder aufgebaut worden. 112 lagern noch als abgedeckte Holzstapel auf dem Gelände.

Eine Ausstellung in der Stallscheune aus Asterode gibt bis zum 30. November einen Überblick über die ersten 40 Jahre des Hessenparks. Auch bemerkenswerte Sammlungsstücke sind dort zu sehen, etwa ein Kinderhochstuhl, den Hans Spemann im Werkunterricht für seinen jüngeren Bruder angefertigt hat. Da wusste Spemann noch nicht, dass er 1933 mit Hilde Mangold den Medizinnobelpreis bekommen sollte. In der Familie weitergereicht, gelangte der Stuhl schließlich nach Jügesheim und von dort ins Freilichtmuseum.

Ein unscheinbares Holzbrett wiederum ist 1983 einem Hessenpark-Mitarbeiter bei der Aufbereitung von Altholz aufgefallen. Die Türfüllung aus Westerfeld wies nicht den üblichen Segensspruch auf. Stattdessen hatte sich der „Schreinergesel Heinrich Leidendecker von Pfafenwisbach“ 1824 über den Bauherrn und seine Frau geärgert, denen er drei Türen fertigte. Den „zwey groben Leuten“ wünschte er auf der Rückseite der Türfüllung, sie sollten „die Schwerenoth bekommen“.

Bestandteil der Jubiläumssausstellung sind auf dem Gelände verteilte Stelen mit Jahreszahlen, die auf markante Gebäude oder Ereignisse der Museumsgeschichte hinweisen. Zu ihnen gehört die Kirche aus Niederhörlen. „1974“ ist als Zahl aus der Stele geschnitten. Als Biblis ans Netz ging und Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land gewann, legte am 19. September Ministerpräsident Albert Osswald beim Richtfest für die Kirche den Grundstein für den Hessenpark. Die darin versenkte Urkunde könnte heutigen Sozialdemokraten Tränen der Rührung in die Augen treiben. Sozialminister Horst Schmidt, Regierungspräsident Hartmut Wierscher, Landrat Werner Herr, der Neu-Anspacher Bürgermeister Rudolf Selzer und Osswald selbst: Hessen war SPD-Land.

Die Idee zum Hessenpark hatte Regierungsdirektor Erwin Schwarzer 1961 vom „Frilandmuseet“ bei Kopenhagen mitgebracht. Inspiration lieferte auch das „Pueblo Español“ bei Barcelona, das als spanisches Musterdorf zur Weltausstellung 1929 errichtet worden war. Der Vorschlag eines Freilandmuseums wurde schließlich in den Landesplan „Hessen 80“ aufgenommen. Den 1968 ausgerufenen Wettbewerb um den Standort gewann Anspach, das 30 Hektar zur Verfügung stellte. Eine gewaltige Fläche, die wohl auch deshalb zu haben war, weil sie am schwierig zu bewirtschaftenden Taunus-Nordhang liegt. Knapp 20 Millionen Mark (10,2 Millionen Euro) war die Finanzausstattung für den Hessenpark, wovon zehn Prozent auf den Hochtaunuskreis entfielen. Er war zunächst auch Träger, bis 1977 das Land übernahm.

Der heutige Direktor Jens Scheller ist Geschäftsführer einer landeseigenen GmbH. Sein Budget lag voriges Jahr bei sieben Millionen Euro, von denen das Museum 2,3 Millionen Euro aus Eintrittsgeldern, Führungen oder Pacht einnahm. Neben vier Millionen Euro Zuschuss gab das Land auch 700 000 Euro für die Bauunterhaltung. Dass der Hessenpark eigentlich ein Widerspruch zu der Bewahrung historischer Gebäude an ihrem ursprünglichen Standort und damit zum Denkmalschutz ist, wurde schon bei der Gründung diskutiert. Damals fiel manches Haus einer breiteren Ortsdurchfahrt zum Opfer. „Viele Translozierungen“ – so heißt das Versetzen an einen neuen Standort – „wären heute undenkbar“, sagt Scheller. Das Museum habe nicht nach Objekten gefragt, sondern Häuser angeboten bekommen. „Professor Ernst stand dann vor der Alternative: Entweder er nimmt es, oder es verschwindet ganz.“ Das Museum war also durchaus Retter in der Not, aber nicht als Alternative zum Denkmalschutz gedacht.

Voriges Jahr gab es eine Premiere. Erstmals hat der Hessenpark ein eingelagertes Haus abgegeben. Es wird von der Jugendbauhütte Romrod in Marburg fachkundig aufgebaut. Ein solcher Schritt erfolge nur nach strengen Prüfverfahren des Internationalen Museumsverbands, sagt der Geschäftsführer. Er war bisher ebenso ein Tabu wie die Entscheidung, ein Gebäude aufzugeben und das Holz zu verwerten, zum Beispiel für Ausbesserungen. Muss ein Stapel einmal verlagert werden, schauen die Fachleute genau hin. Ist nur ein geringer Teil der Balken erhalten, die Geschichte nicht dokumentiert und handelt es sich um einen verbreiteten Typus, etwa eine einfache Scheune, könnte das Urteil durchaus einmal heißen: Museal nicht relevant. Alle Häuser wieder aufzubauen ist für den Hessenpark-Geschäftsführer ohnehin ein nicht zu erfüllender Anspruch.

Nur um wenige Bauwerke, etwa das Imkerhaus aus Mammolshain, hat sich der Hessenpark als thematische Ergänzung aktiv bemüht. Grundsätzlich nimmt das Freilichtmuseum nur Objekte an, die älter als 30 Jahre sind. Der Wert zeige sich oft erst mit einer Generation Abstand, heißt es dazu in der Jubiläumsausstellung. Dieses Kriterium würde auch ein Fertighaus aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erfüllen. Ein Gedanke, den Scheller schon hatte: „Daran ließen sich das Ideal des Eigenheims im Grünen, die Zersiedelung oder die Frage der Mobilität zeigen.“ Es müsste genauso gut dokumentiert werden wie ein Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert. Auch auf die originalgetreue Innenausstattung würde Scheller Wert legen. Das wären dann nicht Spinnrad oder Herrgottsbild. „Sondern ein Kinderzimmer mit WM-Poster von 1974 an der Wand.“

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